Wie die Ackermann-Gemeinde zu ihrem Namen kam
Ihren Namen entlehnt die Ackermann-Gemeinde der ersten neuhochdeutschen Dichtung, dem "Ackermann aus Böhmen" von Johannes von Saaz in Böhmen. Diese bedeutende Prosadichtung aus dem Jahre 1400 ist ein Dokument für die Jahrhunderte alte Verwurzelung und schöpferische Kraft der deutschen Kultur in den böhmischen Ländern und ein Sinnbild für die Lebensgestaltung aus christlichem Glauben und Hoffen.
"Gönne ihr...! - Oder wie der Ackermann nicht nur den Tod sondern auch Gott in die Pflicht nahm
Auszug aus dem Kommentar von Rainer Karlitschek zu "Der Ackermann aus Böhmen", Johannes von Saaz, Hrsg: Vysehrad-Verlag GmbH, 2016
(...) Erstaunlich genug, dass sich nach dem 2. Weltkrieg mit der Erfahrung der Vertreibung katholische Heimatvertriebene dazu entschlossen, schon im Namen ihrer Gemeinschaft den Ackermann aus Böhmen ihre Referenz zu erweisen: Ackermann-Gemeinde nannte sich die Verbindung katholischer Heimatvertriebener, die bis heute noch aktiv um die Bewältigung des Schicksals ringt und die Arbeit der Trauer in Friedensarbeit umwidmen will. Auch die vorliegende Neuauflage des Ackermann-Textes anlässlich des 70jährigen Bestehens der Ackermann-Gemeinde zeugt von der gedanklichen Tradition, die bis heute den Verband prägt: Ja, der Verlust der Heimat mündete in der Ackermann-Gemeinde durch die Aneignung eines emanzipierten Textes im eigenen emanzipatorischen Umgang mit dem Schicksal. So wie der Ackermann in dem Text von 1400, immerhin auch ein frühes Dokument der kuturellen Landschaft Böhmens, in der die kritische Auseinandersetzung mit der Heilsgeschichte der Kirche eine lange Tradition hat (man denke an Jan Hus), seinem Schicksal voll Selbstbewusstsein einen Bund mit Gott eingehen kann. so analog wollten die Gründungsväter der Ackermann-Gemeinde auch der Erfahrung ihrer Vertreibung etwas abgewinnen. Kein stilles Leiden, kein einfaches Hinnehmen der Verlusterfahrung, kein Rückzug in die Nischen unbewältigter Trauer, nein, ein Ja zur neuen Situation. Der viel zitierte Satz des Gründungsvorsitzenden Hans Schütz: "Nichts wird mehr so sein wie es war, aber nichts wird so bleiben wie es ist" kann genau in die Spannung des Ackermanns in der Dichtung von 1400 gesehen werden.
Man sollte dennoch nicht Gefahr laufen, den programmatischen Vergleich der Vertriebenen mit der Leiderfahrung und der Auflehnung gegen den Tod zu weit zu treiben, die Verwicklung in Schuld der eigenen Geschichte ist vielleicht noch komplexer als der Verlust der Geliebten des Ackermann im Prosatext. Dieser Vergleich käme den Deutschen nach dem 2. Weltkrieg nicht gut. Doch das Ringen mit dem Tod und zugleich mit Gott, das Auflehnen gegen einen zum Zynismus neigenden Realismus, das alles ist hochgradig aktuell. Denn das Auflehnen gegen den Tod und gegen Gott angesichts der aktuellen politischen Lage ist nicht minder herausfordernder für Gott - insofern wäre programmatische Geduld mit Gott nicht unbedingt der Weg innovativer Veränderung. Ein guter Ackermann im Sinne des Textes würde heute zu Gott sagen, gönne auch mir heute die Erfahrung Deiner positiven Gottesherrschaft, im Sinne des mutigen Autors Johannes würde der Satz aber vielleicht sogar lauten: Gott, es liegt nicht nur an mir, Dich als groß zu erfahren, nein, zeige Dich, denn nur dann kann ich die Brüche der heutigen Welt noch ertragen, also: Ich pack´s an, also versteck Dich nicht, Du bist am Zug!
Rainer Karlitschek

